Wir, Gott und eine bessere Welt

Ein Essay von Thomas Klein

28. Okt 2020, 14:58 (MEZ)

"Oh je! Das kann ja nichts werden", denken sie?

Okay, dann möchte ich ihre Zeit auch nicht mit Geschwätz vergeuden:
Sie sind überzeugt, damit es besser wird - was auch immer "es" und "besser" heißen mag -, müssten alle anderen sich ändern, nur sie (und ihr Umfeld) nicht?
Falls ihre Antwort "ja" lautet, sollten sie aufhören zu lesen, genau hier.

In medias res: Was ist ethisch korrektes Verhalten?

"Also doch!", möchten sie mir zurufen? Abwarten, der Abschnitt wird kurz.
Unabhängig vom "Grad" ihres persönlichen Glaubens: Sagt ihnen ihre Religion etwas zu dem Thema?
Vermutlich nicht, dass sie andere übervorteilen / betrügen oder anderen übel nachreden / Lügen verbreiten sollen.
Eher das Gegenteil? Und trotzdem passiert es?
Genug der moralischen Keule, sie werden das nicht abschalten können, entscheidend ist etwas anderes.

Wem vertrauen sie? Und warum?

Die denkbar grundlegendste Antwort auf die zweite Frage ist diese: Ohne jegliches Vertrauen funktioniert exakt gar nichts.
Natürlich gibt es sinnvolle Abstufungen. Einem Wildfremden werden sie vermutlich nicht per Handschlag - zurzeit im übertragenen Sinn - eine hohe Summe Geld leihen, so ihr Konto das denn hergäbe.
Einem guten Freund jedoch vielleicht schon, einem weniger guten eventuell mit schriftlichem Vertrag.

Stichwort: Fremdvertrauen (wahlweise auch Gottvertrauen)

Was sollten sie tun, wenn sie enttäuscht wurden?

Aussprechen, was sie denken, wie sie sich fühlen?
Das wird nicht immer helfen, jedenfalls häufig nicht sofort. Wenn aber die Person oder Organisation, um die es geht, nicht erfährt, was sie aus ihrer Sicht falsch gemacht hat, wie / warum sollte sie ihr Verhalten zukünftig ändern?

Falls es ein wichtiger Punkt für sie ist, können / sollten sie "eskalieren".
Das bedeutet (mehr) Zeit und Energie zu investieren, allerdings nicht (automatisch), unsachlich zu werden, physisch zu reagieren (Tätlichkeit / Sachbeschädigung) oder sonst wie Rache zu üben.
Das ein oder andere wird ihnen schon mal passiert sein. Dann wissen sie, was es gebracht bzw. wohin es (langfristig) geführt hat.

Stichwort: Ich-Botschaft. (Ja, ich sehe das Augenrollen bei manchem Leser förmlich.)

Rollentausch

Da sie bis hier durchgehalten haben - schwierig wird es erst jetzt.

Haben sie sich jemals gefragt, "Warum habe ich jemanden enttäuscht / beleidigt / verletzt? Könnte der Andere vielleicht Recht haben?"
Unbequem, oder? Dann hätten sie ja Unrecht. Und vielleicht Andere / Viele um sie herum ebenso.
Da ist es deutlich bequemer, genau das zu vermeiden.
Und was ist "genau das" eigentlich? Sachliche Argumente, letztlich die Wahrheit, so weit sie diese erkennen / verstehen können?

Stichwort: Selbstreflexion

Welche Auswirkungen haben "Veränderungen"?

Ohne sich selbst manchmal zu hinterfragen, werden sie ihr Verhalten nicht ändern können. Doch ohne (Ver)Änderung, (in der Regel) keine (Ver)Besserung.
Offensichtlich, Veränderung ist nie risikofrei. Aber Veränderung passiert um sie herum, immer. Wenn sie sich also nicht verändern - "anpassen" -, ist das alles andere als risikofrei.
Demnach lohnt es sich anscheinend, sich dazu ein paar Gedanken zu machen.

Mal so gesehen (in Abwandlung eines bekannten fatalistischen Spruchs): "Wenn jeder sein eigenes Verhalten verbessert, verbessert sich das Zusammenleben aller."
Das ist idealistisch? Ja. Es wird Einige / Viele geben, die sich nicht darum scheren? Ja.
Die Konsequenz? Es diesen gleich tun? ... damit sich nichts ändert, jedenfalls nicht zum Besseren?

Sie wollen dann aber bitte schön "so wenig wie irgend möglich" verändern?

Bliebe das nicht genauso unbefriedigend? Denn etwas nagt trotzdem an ihnen: Der Vergleich mit Anderen - manch Anderer ändert / verbessert ja (deutlich) mehr.
Und sie ändern wenig, es soll ja "bequem" bleiben.
Wenn sich derartige (Verhaltens)Änderungen bei anderen gleich vielfach manifestieren (-> Fremdgruppe), wird es unerträglich? "Etwas läuft falsch!", vermuten sie?

Ihre Antwort hier? Sich mit gleichartig Unzufriedenen zusammentun und abschotten?
Jetzt aber wirklich: "Oh je!" So wollen sie zufrieden(er) werden? Ernsthaft?
Die eigentliche Frage ist indes, bei wem etwas "falsch läuft" (-> Selbstreflexion), oder?

Haben sie den relevanten Unterschied erkannt?

Es ist die Denkweise - "so wenig wie möglich" vs. "so viel wie möglich" ... oder zumindest "so viel wie sinnvoll".
Dass Bequemlichkeit später unbequeme Folgen haben und ein vermutetes Mehr an spürbarer Veränderung in Wirklichkeit schlimmere Folgen mindestens abmildern kann, ist eine Erwägung, die (in meinen Ohren) nicht ganz unsinnig klingt. (Woran ich insbesondere denke, ist offensichtlich.)

Nun haben viele Eigenschaften zwei Extreme: Gut - böse, reich - arm, links - rechts, ehrlich - unehrlich, gläubig - ungläubig, ...
Und dazwischen ein großes Vakuum? Nichts? Etwas zu einfach, oder? Um so mehr, wenn das Eine aus dem Anderen folgen soll: Reich --> unehrlich, gläubig --> gut (jedenfalls mit dem "richtigen" Glauben), ...

Manchmal stimmt das, manchmal nicht. Also - sollten sie differenzieren? Wie das geht? Nur so: Hinsehen. Soweit sinnvoll, tatsächlich den Einzelfall betrachten - insbesondere den eigenen.

Ja, schon wieder: Das kostest Zeit, Energie, ist manchmal mühselig, auch weil manches Thema (zu) komplex ist.
Im letzteren Fall hilft wieder Vertrauen, insbesondere auf Experten.
Bloß auf welche? Dazu später mehr.

Zum Großen Ganzen

Was sollten sie ändern? Was sind ihre drängendsten Probleme? Häufig solche, die sie nicht (vollständig) durchdringen oder / und nicht alleine lösen können?
Das erzeugt Unsicherheit? Was also tun? In Panik verfallen? Sich aufregen? (Gemeinsam) Schuldige finden?

Was denken sie - sind ihre Probleme exklusiv? Im Detail wird das meist der Fall sein, mit etwas Distanz eher nicht:
"Wen wähle ich?", "Behalte ich meinen Job?" bzw. "Wie / wo bekomme ich einen neuen Job?", "Welchen Gefahren sind meine materiellen Werte ausgesetzt?", "Welchen Gefahren sind meine immateriellen Werte ausgesetzt?", ...
Hört sich eigentlich nicht so exklusiv an. Und welche Antworten geben sie? Sind das ihre, oder die Anderer? Ist die genaue Betrachtung der Umstände nötig?

Was bedeutet "Umstände"?

Die Probleme sind ähnlich, die Umstände hingegen unterscheiden sich: Manche kommen nur noch einige Tage "über die Runden", manche noch Monate. Viele haben Frau / Mann und Kind(er), andere nicht. Menschen leben in der Großstadt und auf dem Land. Einige leben in einem gläubigen Umfeld, andere in einem weltlich geprägten. Manche Jobs sind (vergleichsweise) sicher, andere nicht. ...

Können Antworten demnach (immer) pauschal gültig sein? Eher nicht. Und wieder: Was tun?
Üblicherweise sich mit anderen austauschen. Eltern, (erwachsene) Kinder, gute Freunde kennen einen, können sich in die eigene Situation hineinversetzen. Das muss man allerdings wollen / zulassen.
Auch die Gedankengänge anderer Quellen können / sollten sie manchmal in ihre Überlegungen miteinbeziehen. (Erwischt! Das ist eine implizite Referenz auf diesen Text.)
Wenn sie dem / der Richtigen vertrauen oder grundsätzlich den schließlich von ihnen als "relevanten neuen Aspekt" erachteten Beitrag berücksichtigen, können ihnen neue Ideen / Wege / Lösungen aufgezeigt werden.

Relevante Aspekte

Wichtigster Punkt (nach meiner Meinung): Versuchen sie zu erkennen, ob sie überlegten / abwägenden Rat erhalten, Rat nach "Schema F" oder sogar aktiv manipuliert werden.
"Puuh, verdammt schwierig, reicht!", denken sie? Weder, noch!

Stichwort: Aktives Zuhören (... und wieder Augenrollen)

Anders formuliert: Mitdenken, Fragen stellen. (Versuche ich ja auch, beides.)
Essenziell hier: Wer mag was warum empfehlen / behaupten?

Stichwort: Beweggründe / Motive

Zweitwichtigster Punkt daher: Mit wem warum über was reden? ... und mit wem lieber nicht?
Sofern sie über alle Probleme mit den gleichen Leuten reden, lässt es sich vermutlich nicht vermeiden, dass bei einigen Problemen alle in ihrem Umfeld der Meinung sind, genau eine Lösung sei die beste, einfach weil sie (alle) weniger Aspekte erfassen, als es möglich (und sinnvoll) wäre.
Die Konsequenz: Manchmal eine (rückblickend) falsche Entscheidung.

Stichwort: Gruppenzwang

Nun können Menschen nicht in die Zukunft sehen - auch wenn manche so tun, als wäre das so.
Und so werden wir immer mal wieder falsche Entscheidungen treffen.
Lässt sich das vermeiden? Nein. Sollten wir versuchen, diese Tatsache zu verbergen? Nein. Lässt sich das Risiko verkleinern? Ja.

Nebenbei

Kann es eine Lösung sein, überhaupt keine (wichtigen) Entscheidungen mehr treffen zu wollen? ... ggf. nach dem Motto, "Gott wird es schon richten"?
Abhängig von ihrem Glauben mögen sie sich sicher sein, dass Gott das kann und auch tut - in entscheidenden Situationen. Einverstanden, doch dieses Wirken ist dann anscheinend nicht so offensichtlich / häufig, dass es allen Menschen offenbar wird.
Das Thema zu vertiefen, würde den Rahmen dieses Textes deutlich sprengen. Auf einen (meines Erachtens) elementaren Aspekt komme ich allerdings später noch(mal) zu sprechen.
Nur eines noch: Ist, nichts mehr entscheiden zu wollen, nicht ebenso eine Entscheidung?

Risiken

Macht es denn einen Unterschied, ob sie blauäugig in den Untergang rennen oder sagen können: "Ich habe mich damit (je nach Wichtigkeit sogar intensiv) beschäftigt, aber das hatte ich (und hatten andere) nicht auf dem Schirm"? Im Ergebnis nicht, doch für ihr Selbstwertgefühl?
Das soll nicht heißen, dass sie sich nicht auch "dumme" Fehler verzeihen sollen. Aber daraus dann für die Zukunft zu lernen, wäre jedenfalls sinnvoll, oder?

Logisch, nur Risiken deren Auswirkungen bewusst erkannt werden, können überhaupt zu einem (bewusst) angepassten Verhalten führen.
Daher nochmal Psychologie konkret, anhand zweier Punkte: (Nochmal? Klar, darum geht es hier fortwährend.)

Denken sie mal darüber nach. Das ein oder andere Beispiel liegt auf der Hand. (Nach der ISO Definition kann ein Risiko sich ebenso auf ein positiv bewertetes Ereignis beziehen.)

"Kann mir nicht passieren!", behaupten sie dennoch?

Warum denn wohl nicht? Weil sie immer wohl überlegt alle Argumente hören und abwägen?
Keine weiteren Fragen ...

Natürlich, für die meisten gilt: Sie sollten ihrem Umfeld in vielerlei Hinsicht vertrauen - und bei manchen Themen / Fragen dennoch erwägen, die anscheinend allgemein gültigen (weil unwidersprochenen) Antworten zu hinterfragen, indem sie weitere Informationen einholen und diese in das Gesamtbild einarbeiten.

Und wenn Andere aus ihrer Gruppe das erfahren? ... zufällig / versehentlich oder gewollt.
Gehören die Reaktionen in die Kategorie, "Das gehört sich nicht", "Das haben wir noch nie so (= anders) gemacht", "Das ist ketzerisch", "Das ist idiotisch", ...?

Dann könnten sie leider in einer persönlichen Notsituation sein, aus der sie vielleicht nur schwer herauskommen - so sie das denn überhaupt wollen.
Die Gründe für den "Schritt heraus" müssen gewichtig sein, selbstverständlich! Doch diese Gründe gibt es manchmal, sie zu verdrängen, wird ihnen dann auf Dauer nicht weiterhelfen.

Zu guter Letzt

Klar, für sie bin ich ein Unbekannter / Fremder, der mit irgendwelchen komischen Gedanken und Fragen um die Ecke kommt. Es gibt keinen unmittelbar erkennbaren Grund, warum sie mir vertrauen sollten.
Nur will ich das ja gar nicht. Im Kern geht es hier um einen schon erwähnten - eigentlich banalen - Vorschlag: Mitdenken.

Vertrauen sie sich selbst!

Sie haben ein einzigartiges Geschenk bekommen - von Gott oder ihren Eltern, wie sie wollen -: Ihren Verstand. Nutzen sie ihn! (Ich bin mir sicher, Gott ist damit einverstanden.)
Es gibt ein schönes Volkslied zu dem Thema: "Die Gedanken sind frei"

Natürlich habe ich zu vielen Themen eine eigene Meinung. Aber um die geht es zumindest in diesem Essay nicht.
Sollten sie diesen Text trotzdem "manipulativ" nennen, haben wir jedenfalls ein grundlegend unterschiedliches Bild dieses Begriffs.

Ich möchte sie "nur" ermuntern, sich zu möglichst vielen Themen eine eigene (individuelle) Meinung zu bilden, nicht andere Meinungen ohne nachzudenken "einfach so" zu übernehmen.
Das Ziel ist dieses: Eine informierte Meinung, die es ihnen ermöglicht, die gröbsten Falschaussagen zu einem Thema zu erkennen.
Nicht mehr und nicht weniger.

Sind noch Fragen offen?

Ach ja, die Expertenfrage.

Dazu möchte ich ihnen ein dreiteiliges englischsprachiges Video ans Herz legen: DENIAL101x FLICC The Techniques of Science Denial Part 1
Die weiteren Teile sollten ihnen unmittelbar zum Anschauen angeboten werden.
Auch wenn es thematisch manchmal etwas schnell geht, enthalten die drei Teile durchaus einprägsame Stellen.

Und ignorieren sie gerne das behandelte Thema, irgendein plakatives musste der Autor ja zur Verdeutlichung verwenden ...
(Falls sie das Thema indes interessiert, hier der Link zur Webseite des Autors: skepticalscience.com)
Deutschsprachige Erläuterungen der verwendeten Begriffe finden sie hier: FLICC-Quiz-Material-DE.pdf

Nachtrag   24. Nov 2020, 21:09

Nachfolgend die Links zu den Teilen zwei und drei:
DENIAL101x FLICC The Techniques of Science Denial Part 2
DENIAL101x FLICC The Techniques of Science Denial Part 3

Einen Beitrag zur eingedeutschten Abkürzung "PLURV" hatte ich bereits früher verlinkt: Fünf Desinformations-Tricks, die jeder kennen sollte

Englische Übersetzung des Textes