Ein Essay von Thomas Klein
Ich halte mich für einen nüchtern, sachlichen Menschen, denke, die meisten, die mich kennen, würden der Charakterisierung zustimmen. Als genereller Nachweis mögen meine bisherigen öffentlichen Verlautbarungen auf Twitter und meiner Webseite herhalten.
Diese Eigenschaft hilft mir im privaten wie beruflichen Leben ganz gut über die Runden zu kommen. Die Eingruppierung „gut situiert“ passt in vielerlei Hinsicht, sagt aber nichts über mich als Person aus.
Mit der daraus resultierenden Zufriedenheit einher geht allerdings unwidersprochen eine gewisse Bequemlichkeit, der ich (endlich) seit dem letzten Quartal des Jahres 2019 aus vielerlei guten Gründen bewusst neue Aktivitäten entgegengesetzt habe.
Der dafür auch vorstellbare Begriff „Aktionismus“ träfe den Kern nicht. Und auch wenn die Außenwirkung nicht mehr gegen Null tendiert, ist die Innenwirkung (für mich) sehr relevant – was nun deutlich mehr über mich als Person aussagt, als die Beschreibungen zuvor.
Tatsächlich habe ich mich „bemüht“, diesen Text nicht zu schreiben, mich seit Jahresbeginn mit einem größeren Projekt beschäftigt und damit begnügt, den Artikeln anderer Autoren gedanklich rundum zuzustimmen.
Wie sie sehen hat das letztlich nicht funktioniert.
Nun denn, ein Aspekt von Aktionismus trifft möglicherweise zu: „den Anschein von Untätigkeit […] vermeiden“.
Aber entscheiden sie selbst.
… „bezeichnet die Strukturen, Prozesse und Inhalte zur Regelung der Angelegenheiten eines Gemeinwesens (z.B. eines Staates) durch verbindliche (auf Macht beruhende) Entscheidungen“, sagt Wikipedia.
Was ist wohl das entscheidende Wort in dem Satz? (Achtung, Wortspiel.)
Weitergedacht – das zweitwichtigste? (Steht in Klammern.)
Dazu schreibt Wikipedia: „Macht bezeichnet die Fähigkeit einer Person oder Gruppe, auf das Denken und Verhalten einzelner Personen, sozialer Gruppen oder Bevölkerungsteile so einzuwirken, dass diese sich ihren Ansichten oder Wünschen unterordnen und entsprechend verhalten.“
Aha, okay, dann schwindet die „Macht der Politik“ auf weite Teile der Bevölkerung gerade ziemlich dramatisch?
… , das sind „wir“, alle, ohne Ausnahme, jede(r) einzelne gehört dazu.
Nochmal die Wikipedia: „Mit dem Wort Volk werden allgemein (große) Gruppen von Menschen bezeichnet, die durch kulturelle Gemeinsamkeiten, reale oder fiktive gemeinsame Abstammung oder einen politisch und rechtlich organisierten Personenverband zu einer unterscheidbaren Einheit zusammengefasst sind. Eine verbindliche Definition gibt es nicht.“
Damit sind wir wie schon beim Zitat zuvor – wieder einmal – beim Wort „Gruppe“ angekommen, das meiner Meinung nach mit all seinen Facetten und deren Konsequenzen eine der von vielen Menschen meistunterschätzten Begrifflichkeiten überhaupt ist.
Wie also mit den Äußerungen einzelner Wortführer (einer Gruppe), deren Lautstärke und (medialen) Aufmerksamkeit umgehen?
Na ja, sich „mal anschauen“, ob das denn in der Gesamtschau mit den eigenen (individuellen) Gedankengängen übereinstimmt, eine ggf. „gefühlte“ Gruppenzugehörigkeit auch eine „echte“ ist und eine möglicherweise proklamierte Zustimmung aller – oder zumindest der Mehrheit – zu den Positionen auch tatsächlich existiert.
Widerspruch ist häufiger angebracht, wird aber „gerne“ ausgeblendet, wenn denn ein solcher „Wortführer“ vordergründig die (eigene) Meinung vertritt, man müsse ja endlich mal „etwas“ tun.
Dass das dann aber auch sinnvoll sein soll – somit sofort oder zumindest kurzfristig helfen sollte, wenn Eile geboten ist –, rückt schnell in den Hintergrund. (Womit wir hier auch den Begriff Aktionismus – gepaart mit Populismus – wiedertreffen.)
Die hinter den Aussagen stehende Motivation ist aber der eigentliche Kern, den es zu ergründen gilt. (Was genauso für diesen Text gilt.)
Dazu gleich mehr.
… „[ist] das Entwickeln von gedanklichen Vorstellungen in die Realität durch Handlungen“.
Was wollen sie, ich, andere?
Fast immer haben die Antworten mit der Lösung irgendeines individuellen, familiären, religiösen, gesellschaftlichen oder sonst wie universellen Problems zu tun.
Die Reihenfolge – somit Wichtigkeit und Dringlichkeit – der Antworten variiert dabei entsprechend aktueller äußerer Einflüsse.
Was ist wohl der aktuell anscheinend wichtigste und dringendste äußere Einfluss auf uns alle?
(Nein, das ist keine „dumme“, sondern eine rhetorische Frage, denn blöderweise ist das eigentlich auf die Spitzenposition gehörende Thema vielfach komplexer und mindestens genauso dringend und wichtig.)
… im Sinne von „Beweggrund“, „innerer Antreiber“ ist also (mit)entscheidend.
Die aktuelle Situation und die daraus resultierenden Handlungen betrachtend, ist es seit einiger Zeit zunehmend schwierig, (weiterhin) anzunehmen, das Gemeinwohl sei der zentrale Aspekt in den Aussagen und Handlungen deutscher Politiker.
Eine solch pauschale Feststellung wird dem ein oder anderen Unrecht tun, aber entscheidend ist halt das Gesamtbild – und das ist gerade fatal.
Dazu gibt es eine unrühmliche, schnell wachsende, und zunehmend verzweifelt / resignierend klingende – jüngst „mütend“ genannte – Anzahl passender Reaktionen.
Die vielfach zwischen den Zeilen herauszulesende Frage, „Was muss denn noch passieren, bevor endlich die richtigen Entscheidungen getroffen werden?“, zeugt tatsächlich von einem gewissen Fatalismus.
Einen Kanzlerkandidaten ernsthaft anhand aktueller Umfragewerte anstatt der Eignung und seiner Positionen küren zu wollen, macht die Sache nicht wirklich besser.
… trifft jeder, ständig, und meist unbewusst, was für Menschen anders auch gar nicht machbar ist.
Wichtige Entscheidungen aber sollte jeder bewusst treffen. Zu erkennen, was wichtig ist, ist der wichtigste Schritt. (Und wieder ein kleines Wortspiel.)
Der zweite und dritte Schritt: Die eigene Motivation erkennen und das Gesamtbild betrachten, d.h. – durchaus bewusst auch widersprüchliche – Informationen sammeln und bewerten.
Darauf basierend kann man dann entscheiden und handeln – sie, ich und jeder Politiker.
Nicht (sofort) zu handeln ist auch eine Entscheidung, nämlich die, keinen Fehler machen zu wollen.
Unfreundlicherweise wartet ein Virus aber nicht, bis irgendjemand irgendwann Entscheidungen trifft, die seine Verbreitung signifikant eindämmen.
Dass in einer Pandemie Geschwindigkeit Genauigkeit schlägt, ist keine neue Erkenntnis.
… zu minimieren ist eine sinnvolle Strategie.
Allerdings nur, wenn die (bekannten) Risiken richtig bewertet – und gruppiert – werden, denn nicht alle können gleichermaßen gut eliminiert oder zumindest verringert werden.
Bewertung und Gruppierung sind m.E. gar nicht mal so häufig das Problem, selbst wenn unterschiedliche Expertengruppen widersprüchliche Empfehlungen geben. Das jeweilige Wissensgebiet eines Experten berücksichtigend ist das Herausfiltern der für das Gesamtbild relevanten Informationen häufig keine intellektuelle Meisterleistung, sondern etwas, das auch die meisten Politiker bewerkstelligen könn(t)en.
Aber wollen muss man das schon.
Wie die gewonnenen Erkenntnisse dann mit der eigenen Motivation verwoben werden, ist anhand der vorgenommenen und unterlassenen – mitunter widersprüchlichen – Aussagen und Handlungen häufig leicht erkennbar, wenn man sich denn erinnern „möchte“.
Nachfolgend die wenigen Fragen, die grundsätzlich gestellt und beantwortet werden sollten, bevor wichtige Entscheidungen getroffen werden:
Warum (der Eindruck entsteht, dass) das nicht geschieht?
Das ist die alles entscheidende Frage!
… betreiben – zu kommunizieren – bedeutet, einen Informationskanal zu öffnen, also dem Kanal einen „Sender“ und (mindestens) einen „Empfänger“ hinzuzufügen.
Wie kommunizieren also „unsere“ Politiker vorwiegend mit uns?
Ehrlich oder verlogen? Offen oder verschlossen? Sachlich oder emotional?
Und was machen wir – „das Volk“ – auf dem Rückkanal? (Uups, habe ich diese Frage wirklich gestellt? Die deutliche Antwort habe ich schon weiter oben gegeben.)
Deutliches Feedback gibt es also reichlich.
Nun gehört auch dieser Artikel in diese Kategorie, so wie unzählige zuvor – und wohl viele danach.
Und was passiert?
Die Union scheitert, bzw. deren Kanzlerkandidatenkandidaten scheitern daran, einvernehmlich und erklärbar den gemeinsamen Kandidaten zu küren.
Ein Bundesgesetz soll in nächster Zeit die Umsetzung längst beschlossener und bereits umsetzbarer Regelungen erzwingen, garniert mit einer „Ausgangssperre“ über deren (Un)Sinn alleine Artikel geschrieben werden.
Ein weiteres Gesetz soll – ebenfalls irgendwann (Ja, hier bin ich auch mal sarkastisch.) – das Angebot (!) eines (!) Schnelltests pro Woche seitens der Arbeitgeber an den Arbeitsstätten erzwingen.
Und jetzt? Allgemeiner Applaus? Wohl kaum.
Währenddessen steigt die Anzahl der an COVID-19 schwer erkrankten und auf Intensivstationen behandelten Patienten rapide, die Anzahl der freien Betten auf den Intensivstationen sinkt signifikant.
Das „dicke Ende“ ist offensichtlich – eigentlich.
Nun geht es mir nicht (vorwiegend) um das, was so alles in der Vergangenheit schiefgelaufen ist.
Was jetzt zählt ist heute, nicht gestern, aber – im gleich zu erläuternden Sinne – auch nicht morgen!
Morgen ist es zu spät – eigentlich sogar bereits heute.
Aber als Konsequenz aus dem Zaudern in der Vergangenheit, dann heute trotz eindringlicher Warnungen wieder nichts zu tun, bzw. notwendige demokratische Entscheidungsprozesse nicht maximal zu optimieren – ohne gefährliche Abkürzungen einzubauen –, das ist … ehrlich gesagt fehlt mir das dafür passende Wort.
Das Wort „strunzdämlich“ trifft es nicht wirklich.
… ist langsamer als „Autokratie“.
Das ist systembedingt und hat Konsequenzen, auch negative – manchmal sogar für den Einzelnen tödliche.
Das wiederum ist für Betroffene und deren Angehörige verständlicherweise nur schwer auszuhalten, wiegt aber nicht schwer genug, das System als solches infrage zu stellen. (Siehe „Gemeinwohl“ weiter oben.)
Ich kenne keinen Weg, der es ermöglichen könnte, in Katastrophenszenarien „mal eben“ den „Demokratie aus“-Knopf zu drücken, damit alle ohne Limit schnellstmöglich (vor was auch immer) gerettet werden, und das danach wieder zurückzudrehen.
So funktioniert diese Welt, bzw. – konkreter – funktionieren die Mechanismen des Machterhalts leider nicht.
Jegliche Entscheidung hat Konsequenzen – erwünschte wie unerwünschte Wirkungen –, deren Eintrittswahrscheinlichkeiten abgeschätzt, aber nie genau vorausgesagt werden können.
Wollen sie das Risiko eingehen, morgen in einer Diktatur aufzuwachen?
Aber die beschriebene Einschränkung von Demokratie ist keine Rechtfertigung für „die Mächtigen“, gegen besseres Wissen zu handeln, insbesondere in Krisen nicht ohne Verzögerung zu handeln oder die eigene Verantwortung auf andere abzuwälzen.
Das ist mein zentraler Vorwurf – vielleicht auch ihrer – an „die Politik“, bzw. unsere Entscheidungsträger.
Die Macht, zu entscheiden, hätten sie, sie müssen es nur tun – aus den richtigen Gründen.
Und zur Gruppe der „richtigen Gründe“ gehören die eigene Karriere, Umfragewerte und die nächsten Wahlergebnisse gerade nicht unbedingt.
Solange das nicht von der Mehrzahl der deutschen Politiker verstanden und entsprechend gehandelt wird, kann ich mir das Ersetzen meiner (gedanklichen) Hutschnur sparen.